31.08.2026 — 2 Minuten
Im Spiel ist „als ob“ ein Möglichkeitsraum. In Organisationen ist „als ob“ ein Vermeidungsraum.
Erstmals erschienen in purplethoughts, 9. Juni 2026.
Meine Tochter ist vier. Wenn sie sich im Spiel etwas vorstellt, hat sie ein Wort dafür: „als ob".
Als ob Gurken essen. Als ob Einhorn reiten. Als ob Prinzessin sein. Sie weiß genau, dass es nicht echt ist. Das ist nicht das Problem — das ist ja der Witz. Sie spielt und sie nennt es beim Namen.
Vier Jahre. (Noch) null Selbsttäuschung.
In Organisationen begegnet mir dasselbe Spiel. Nur nennt es dort keiner so.
Als ob wir transformieren, innovieren... Als ob KI bei uns alles verändert.
Piloten, die nie in Produktion gehen. Taskforces, die nach drei Monaten versanden. Strategiepapiere, die niemand umsetzt. Es sieht aus wie Veränderung, es riecht und klingt auch so. Darunter läuft dieselbe Denke von gestern, nur mit neuen Wörtern.
Meine Tochter weiß, dass sie spielt. Das macht es ehrlich, kreativ und frei.
Organisationen im Als-ob-Modus wissen es nicht. Oder schlimmer: Sie wissen es und sprechen es nicht aus. Im Spiel ist „als ob" ein Möglichkeitsraum. In Organisationen ist „als ob" ein Vermeidungsraum. Ein Ort, an dem man Veränderung aufführt, um sie nicht durchleben zu müssen.
Warum tun wir das?
Weil echte Veränderung eine Bedingung hat, die niemand gern erfüllt. Du musst wissen, was du verändern willst. Und dafür musst du wissen, wer du bist. Was bleibt. Was gehen darf.
Ohne diese Klarheit ist jede Transformation — Kostüm. Du ziehst es an, läufst darin herum, zeigst es dem Vorstand. Darunter bist du noch genau derselbe.
„Als ob" ist das, was passiert, wenn die Identitätsfrage übersprungen wird.
Du springst direkt zur Lösung. Weil die Lösung vorzeigbar ist. Weil die Lösung ein Dashboard hat.
Die Identitätsfrage hat keins.
Das Tückische am Als-ob-Modus: Er fühlt sich produktiv an. Meetings, Projekte, Budgets. Alles fließt und ist in Bewegung. Aber Fortschritt und Bewegung sind nicht dasselbe.
Nach dem x-ten Strategieprozess, der versandet. Nach dem wiederholten Culturecha(i)nge, der nichts verändert hat. Spätestens dann merkt es jeder im Raum. Nur sagt es keiner. Weil „als ob" bequemer ist als die Alternative.
Die Alternative tut weh. Aufhören zu spielen und anfangen zu fragen, was echt ist.
Meine Tochter sagt „als ob" und weiß, dass sie spielt. Die meisten Organisationen sagen „Transformation" und merken nicht, dass sie dasselbe tun.
Der Unterschied war nie das Spiel. Der Unterschied ist das Wissen.
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